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Am 09.11.2009 nahm sich Marco Bülow, einer unserer beiden Bundestagsabgeordneten für Dortmund, Zeit für ein Interview mit Dortmunder-Seiten.
Interview mit Marco Bülow Bundestagsabgeordneter für Dortmund

Dortmunder-Seiten: Herr Bülow, erzählen sie uns doch etwas über sich und ihre Familie.
Marco Bülow: Ich bin in Dortmund geboren und groß geworden. Meine Familie und ich wohnen im Prinzip alle in einem Karree. Wir haben die Familienverbundenheit bewahre können. Meine Frau kommt nicht aus Dortmund. Sie ist aber hier hin gezogen und ich bin froh, dass ich somit in Dortmund bleiben konnte. Ich würde schon sagen dass ich ein Familienmensch bin, doch leidet dies unter den Umständen, dass ich ständig pendeln muss zwischen Berlin und Dortmund. Ich bin 30-40 % der Zeit eben nicht in Dortmund sondern in Berlin oder in anderen Städten auf Konferenzen. Wenn ich in Dortmund bin häufen sich der Termine, habe viel zu tun und sitze am Schreibtisch. So konzentriert sich das familiäre auf die Wochenenden oder wir sehen uns eben amüsanter Weise im Ortsverein. Das führt dazu, dass meine Mutter schon spottet und sagt:“Wenn ich dich mal sehen will, muss ich zur Partei gehen.“ Leider ist da tatsächlich was Wahres dran.
Dortmunder-Seiten: Wie sieht es denn mit der Ausübung von Hobbys aus?
Marco Bülow: Ich habe viele Interessen die ich leider im Moment vernachlässige. Sport hat mir immer viel Spaß gemacht. Nach zwei Kreuzbandrissen ist es mit Fußball allerdings ganz vorbei doch ich laufe oder fahre Rad wann immer es die Umstände zulassen. Was ich sehr gerne tue aber eher mit einem Urlaub verbinde und meine Frau zum Glück auch ist wandern, am besten wo es ordentlich auf und ab geht. Außerdem lasse ich mir selten BVB-Spiele entgehen. Obwohl ich vom Job her sehr viel lesen muss verkneife ich mir trotzdem das gute Buch nicht, auch um etwas abzuschalten, gerade am Abend.
Dortmunder-Seiten: Wie ist denn Ihr beruflicher Werdegang verlaufen?
Marco Bülow: Ich hab mein Abitur an der Anne-Frank-Gesamtschule gemacht, eine der ersten Gesamtschulen Dortmunds. Über uns die Klassen waren noch gymnasial. Die Schule liegt in der Nordstadt. Dies hat mich schon geprägt. Der Migrantenanteil lag dort damals schon bei 60%. Ich hatte damals schon mehrheitlich Freunde mit Migrationshintergrund. Nach dem Abitur habe ich dann in Dortmund Journalistik studiert und in Bochum Geschichte und Politikwissenschaften. Schon während des Studiums hab ich als freier Mitarbeiter gearbeitet. Nach dem Studium bei der Projekt Ruhr GmbH in der Kommunikationsabteilung. Danach hab ich mich mit 2 Freunden auf den Weg zur Selbstständigkeit gemacht. Wir hatten schon eine GbR gegründet, alles angemeldet und angefangen dafür zu arbeiten doch dann ist meinerseits meine Kandidatur für den Bundestag dazwischen gekommen, wenn man das so sagen kann. Ich hab nach meinen Möglichkeiten meinen Freunden weiter beiseite gestanden, habe mich ansonsten aber auf das Mandat konzentriert. Die GbR war ausgelegt auf Öffentlichkeitsarbeit, z.B. für Unternehmen die Nachhaltigkeitsberichte heraus geben wollten oder auch für Vereine die keine oder schlechte Öffentlichkeitsarbeit hatten.
Dortmunder-Seiten: Erzählen sie doch kurz wie es denn zu ihrer Kandidatur gekommen ist.
Marco Bülow: Ich habe mich schon früh politisch engagiert und war in der Schülervertretung und der Bezirksschülervertretung tätig. Außerdem hatten wir eine Green-Peace-Arbeitsgruppe in der ich aktiv war. Dies war nicht parteipolitische aber eben schon politische Arbeit. An der Uni wollte ich mich dann weiter engagieren. Es gab noch keine Hochschuljusos, aber die Jusogruppe in Dortmund. Das hab ich mir einfach mal angesehen und mit der Zeit immer mehr mitgearbeitet. Irgendwann bin ich dann SPD-Mitglied geworden und habe auch die Juso-Hochschulgruppe neu gegründet. Ich bin in die Strukturen hinein gewachsen und habe Jahr für Jahr mein Engagement ausgeweitet. Was einmal daraus werden würde war nicht klar, denn eigentlich wollte ich immer Journalist werden. Allerdings hat mich schon immer eher die Bundespolitik interessiert und so war ich auch eine Zeit lang der jüngste Delegierte zum Bundesparteitag. Als es dann darum ging wer der nächste Kandidat für den Bundestag wird haben sich eine ganze Menge Leute gemeldet. Ich selbst bin einfach angetreten obwohl ich nicht gerade ein Favorit war, doch zu verlieren hatte ich nichts. Weiter habe ich mich noch nichtmals sonderlich erpicht, ich musste nicht unbedingt der nächste Kandidat werden. Vielleicht war genau das mein Vorteil gegenüber meinen Mitstreitern, denn ich bin immer unverkrampft und locker an die Sache herangegangen und bin dann letzten Endes tatsächlich der neue Kandidat geworden, worüber ich selbst wohl am meisten überrascht war. Auch als ich in den Bundestag gewählt wurde habe ich nie den Kontakt zum Journalismus verloren; habe Artikel geschrieben, habe ein Buch geschrieben und habe immer Kontakt mit Kollegen gehalten. Irgendwann wenn die Leute drängen und sagen „nun muss mal jemand jüngeres ran“ möchte ich gerne wieder ganz zum Journalismus zurückkehren, also nicht mein Leben lang Berufspolitiker bleiben.
Dortmunder-Seiten: Wie zufrieden sind sie mit Dortmund und was würden sie sagen muss man hier anpacken?
Marco Bülow: Im großen und ganzen bin ich mit Dortmund zufrieden. Aber klar, ein paar Sachen müssen geändert werden. Ich finde es sehr gut was in Dortmund bislang erreicht worden ist im Hinblick auf neue Technologien. Doch sollte man zusätzlich noch nach weiteren Schwerpunkten suchen. Aus meiner Sicht natürlich bildet speziell das Feld neuer und erneuerbarer Energien das größte Potenzial. Hier wurde bis jetzt lediglich an der Oberfläche gekratzt was die Möglichkeit der Schaffung von Arbeitsplätzen und Technologie-Sprüngen angeht, die in Zukunft in der ganzen Welt stetig steigende Nachfrage aufweisen werden. Da muss Dortmund zusehen, dass wir dort ein Stück von dem Kuchen abbekommen, denn dort wird die Reise hingehen. Egal ob man diesen Prozess mit der Verlängerung der Atomkraft oder schlechter Förderung hinauszögert, wird es dazu kommen. Ein zweites Feld ist das der industriellen Arbeitsplätzen, wo es im Zuge des Strukturwandels zu erheblichen Einbrüchen gekommen ist. Auch hier muss in Dortmund zugesehen werden, dass es hier nicht nur die Ideenwerkstätten gibt, sondern, dass hier auch Produktion stattfindet. Dies lässt sich unter Umständen natürlich mit dem vorherigen Punkt verbinden. Ansonsten bin ich mit vielem in Dortmund zufrieden.
Dortmunder-Seiten: Wo sehen sie die Schwächen, wo die Stärken Dortmunds mit Blick auf die Zukunft?
Marco Bülow: Für eine Stadt mit einem solch gravierenden Strukturwandel und mit allen Problemen die Dortmund in der Vergangenheit hatte denke ich sind wird da schon auf einem sehr guten Weg. Jedoch müssen die bereits angesprochenen Felder wie die neuen Technologien weiter vorantrieben und ausweiten. Weitere Felder müssen erschlossen werden von denen man schon jetzt weiß: da geht die Reise in Zukunft hin. Und wie gesagt den industriellen Zweig darf man hierbei nicht vergessen. Wenn man dort eine Verbindung schafft hat man hier riesige Möglichkeiten und Chancen für die Zukunft. Dies sage ich auch mit Blick auf die jüngeren Generationen. Hier darf man nicht nur die Universität bieten und nach dem Studium sind die Leute gezwungen Dortmund zu verlassen. Dies sehe ich leider noch sehr häufig. Dortmund muss eine lebendige Stadt mit Zukunftspotenzial bleiben, in der man es schafft auch die Menschen zu halten. In Dortmund haben wir noch immer eine hohe Arbeitslosenquote und natürlich gehen die Menschen dorthin, wo es auch einen Job für sie gibt. Gerade den hochqualifizierten Leuten, die in Dortmund studiert haben oder sogar selbst aus Dortmund kommen, muss man hier Perspektiven bieten. Dies ist denke ich mit die größte Herausforderung für Dortmund die wir hier haben.
Dortmunder-Seiten: Sie haben ja schon angedeutet, dass sie gerne in Dortmund bleiben möchten...
Marco Bülow: Also für das Studium wäre ich natürlich auch weggegangen, doch hat es hier sehr gut gepasst. Ich bin hier geboren und möchte hier auch alt werden. Da müsste schon eine Menge passieren damit dies nicht so kommt. Viele Leute sind mit ihrer Heimat verwurzelt, doch ich bemerke es in letzter Zeit ganz besonders wann immer ich weg bin, wie gerne ich doch zurück komme. Dies kann nicht an dem Angebot liegen, was ich vergleichsweise in Berlin geboten bekomme. Also kann es ja nur an anderen Faktoren liegen wie an meiner Familie und meinen Freunden, aber auch weil ich den Typ Mensch hier in Dortmund einfach so mag. Die Menschen hier sind im Schnitt einfach offener als woanders. Natürlich bekommt man schon mal eher einen drüber, aber man weiß woran man ist. Ich kann damit besser leben als dies vielleicht im Schnitt in anderen Regionen der Fall wäre. Wenn man hier mal etwas genauer hinschaut findet man hier eigentlich alles. So auch ein recht reichhaltiges Angebot an Kultur. Ich denke da aber auch an das Sportangebot, die Gastronomie und auch die Unternehmenskultur. So hat man hier doch so ziemlich alle Möglichkeiten die man sich so vorstellen kann. Was dem leider noch immer nicht gerecht wird, und da sehe ich mich auch ein wenig als Botschafter, ist das Bild von Dortmund. Menschen von außerhalb die Dortmund noch nie richtig gesehen haben, maximal vor 20 Jahren von der Autobahn aus und dann am besten auch nur rauchende Schlote, sagen:„Dortmund? Ach diese graue, dreckige Industriestadt“. Sie haben keine Ahnung wie viel sich wirklich getan hat in den letzten Jahren. Hier muss man noch ordentlich am Image von Dortmund arbeiten. Sicherlich hat dort auch die WM eine Menge geholfen, doch letzten Endes müssen alle dabei mit helfen um das Bild von Dortmund zu verbessern. Denn dies ist eine Schwäche von Dortmund die im tatsächlichen Sinne ja gar nicht mehr besteht.
Dortmunder-Seiten: Wie sehen sie denn die Rolle des Mittelstands und der Kleingewerbe in Dortmund?
Marco Bülow: Ich glaube das der Mittelstand und das Kleingewerbe im wirtschaftlichen Hinblick auf die Zukunft eine zentrale Rolle für Dortmund spielen. Gerade für diese Unternehmen ist der Standort unglaublich wichtig. Natürlich ist es immer schön auch Riesen in der Stadt zu haben, weil dies immer gleich einen ganzen Schlag von Arbeitsplätzen bedeutet. Doch je größer ein Unternehmen ist, desto unabhängiger ist es auch vom Standort. Und so spielt auch immer die Gefahr mit, dass eben nicht nur zehn Arbeitsplätze mit einem solchen Unternehmen gehen sondern gleich ein paar hundert. Daher glaube ich sollten wir auch unsere kleineren Gewerbe stärker hegen und pflegen. Klar ist das auch mehr Arbeit auf der Seite der Stadt. Aber dies sind doch auch die Unternehmen die sich mit ihren Arbeitnehmern und ihrer Stadt identifizieren. Hier sollte man anknüpfen und versuchen zu helfen. Dies ist oft schon mit kleinen Mitteln möglich und ich glaube hier liegt auch der Schlüssel für die Zukunft. Gerade im Bereich der neuen Branchen finden sich Mittelständische und kleine Unternehmen wieder die an den Markt gegangen sind und an vielen Stellen die Voreiterrolle übernommen haben. Hier sind viele verschiedene kleinere Unternehmen beteiligt: Vom Handwerksunternehmen, über die forschenden Unternehmen, bis hin zu Wartungsunternehmen und denen die die Produktion leisten. Es handelt sich oft um regelrechte Ketten die auch regional verbunden sind, wo es kurze Wege gibt und Hand in Hand gearbeitet wird. Hier habe ich die Vision, dass dies ähnlich in vielen anderen Wirtschaftsfeldern so gestaltet werden kann. Doch hierfür müssen auch die Wege, die Bedingungen bereitet werden. Aber hier liegt ein weiterer Weg, eine weitere, riesige Chance für Dortmund in der Zukunft.
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